Sonst

 „Sorry Angel“

Schauplatz und Zeit
Ein schöner Traum, doch eine traurige Geschichte einer Liebesbeziehung. Ein aidskranker Schriftsteller trotzt in diesem scharfsichtig beobachteten Film dem bevorstehenden Tod und erlebt eine letzte Liebe: Eine Liebe in Zeiten von Aids.
Paris vor 25 Jahren: Der Film spielt 1993 auf der Höhepunkt der Aids-Epidemie in vielen westlichen Ländern. Der erste Aids-Schock ist bereits abgeklungen, jedoch Medikamente (die antiretroviralen Kombinationstherapie) gab es damals noch nicht. Die Diagnose kam immer noch einem Todesurteil gleich. Und wenn vom schnellen Leben Anfang der 90er erzählt wird, dann geht es eben um beides: Um Aufbruch und um das Weglaufen, um ein Lebensgefühl, das von der ständigen Präsenz des Todes gezeichnet ist und um die Feier des Lebens davor. Ein bewegendes Drama, das von der Liebe eines Kranken und eines jungen Mannes erzählt.
Der Film führt uns an Drehorte in der Bretagne, Rennes, Paris und Amsterdam.

Die Figuren
Jacques (Pierre Deladonchamps), Mitte Dreißig, glaubt, dass das Beste in seinem Leben nicht mehr vor ihm liegen kann. Der Pariser Schriftsteller hat Aids und wartet nur noch darauf, zu sterben. Raucht wie ein Schlot, beendet seinen letzten Roman, kümmert sich um seinen kleinen Sohn und um kranke Freunde. Das Leben in seinen letzten Zügen genießen.
Arthur (Vincent Lacoste) ist 22 und der Meinung, dass im Leben nichts unmöglich ist. In der Bretagne, genießt der Student Arthur (Vincent Lacoste) die Unbestimmtheit der Jugend, cruist nachts durch die Straßen von Rennes. Die Zeit, wenn man das Leben noch vor sich hat und träumen kann.
Während bei Arthur alles im Zeichen des Aufbruchs steht, ist Jacques bereits im Abschiedsmodus. Der Mittdreißiger hat es in seiner Schriftstellerkarriere nicht wirklich weit gebracht, ist dementsprechend notorisch pleite und zweifelt an seinem Talent.
Übrigens: Die beiden begegnen zuerst sich in einem Kino …

Romantisch und ohne Klischee
Es könnte einfach nur eine romantische Liebesgeschichte sein, das schöne Klischee, Junge vom Lande kommt in die große Stadt um die Liebe zu finden. Der Film versucht vielmehr, zu häufig variierten Szenen einen bewussten Gegenentwurf zu liefern. Ein Besuch Arthurs am Krankenhausbett des bereits schwer erkrankten Jacques ist nicht von Abschiedsstimmung, Trauer und Bedauern getragen, sondern mündet in einen albernen Strip und in eine zutiefst berührende und zugleich intensive erotische Bettszene.
Der Blick auf das Leben, mit und ohne Aids, ist vollkommen unsentimental, aber er ist melancholisch. So wird der Schmerz über die verlorene Zeit und über ihre Verluste immer spürbar. Im Zentrum aber steht diese Welt: Wie lebt man das Leben vor dem Tod?
Vielleicht etwas zu lang, mit viel Hin-und-Her zwischen mehreren Handlungsebenen mit manchmal mit zu aufdringlich und plakativ eingesetzten Referenzen ist dies vor allem eine berührende und mehrdimensio­nale Geschichte über Freundschaften, über Facetten der Liebe und der Lebensformen, über das Leben selbst.

Hintergründe
Die Figur Arthur trägt autobiographische Züge des Regisseurs, dessen eigenes Studentenleben zwischen Aufbruch und Weltentdeckung einerseits, Angst und Depression andererseits in den fiktiven Film-Plot einfloss.
Der queere Filmemacher Christophe Honoré gilt als einer der Autorenfilmer des französischen Kinos, in einer Tradition zur Nouvelle Vague. Mit „Sorry Angel“ legt Honoré eine hochgelobte Charakterstudie über zwei Männer und deren verzweigtes Umfeld vor, eine warme und intelligent arrangierte Liebesgeschichte.
Sein Ziel sei gewesen, eine „Art schwules Sittengemälde mit vielen unterschiedlichen Figuren“ zu schaffen, „das die Sprache der Liebe zu dieser Zeit noch einmal vergegenwärtigt“. „Meine Filme sollen so zeitgenössisch wie möglich wirken.“ Der Film „ist ja auch die Geschichte einer Weitergabe schwuler Kultur.“ Und ein bewußtes Gegenbild zu anderen Filmen über die Aidskrise.

Kritiken
„… bietet dieser Film so viele kleine, sehr sehr scharfsichtige Beobachtungen und kleine Szenen über die Liebe, …  total sehenswerter und sehr französischen Liebesfilm …“ (Süddeutsche Zeitung)
„Ein zärtlicher und zutiefst berührender Film über körperliche und intellektuelle Verführung, übers Jung­sein und Altwerden, über die große Liebe und den Mut, bis zuletzt seinen Gefühlen zu folgen.“ (SissyMag)

User auf www.rottentomatos.com schreiben: „herzzerreißend“ „sehr berührend und doch lustig“, „this film made me want to live again; to explore and love“. „You do not need to be gay to watch it, but you need to understand humanity and compassion.“
„This love affair sounds a bit unrealistic, given the circumstances (disease, distance and age gap). But fortunately, there are nice moments of tenderness (the reunion in Paris), emotion (the last scene) and humor (the ad-lib choreography and the appointment with the black male escort)“.

Für Cineasten:
Zitate, Anspielungen und Verweise auf Jane Campions „Das Piano“ (Film im Film),
Vergleiche: Robin Campillos „120 BPM“ (Frankreich, 2018),
Spielerischer Umgang mit der Tradition des Nouvelle Vague (
Francois Truffaut),
Filmposter zu Fassbinders „Querelle“ ist im Film zu sehen,
Verweise auf Rimbaud und Whitman.

Sorry Angel | Drama , Romance | Art House & International
R.: Christophe Honor | FR 2018 | 132 min | frz. Original | dt. Untertitel

Originaltitel: Plaire, aimer et courir vite
Uraufführung: Filmfestival Cannes 2018, Wettbewerb um die Goldene Palme.

Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=pIOKJLAVh6A

SWR-Filmkritik (Audio und Text):
https://www.swr.de/swr2/kultur-info/film-sorry-angel-christophe-honore-filmfestspiele-cannes-wettbewerb-kritik/-/id=9597116/did=22699228/nid=9597116/1bu8aaf/

Filmkritik (Videokolumne):
https://www.sueddeutsche.de/kultur/kino-sorry-angel-1.4182713

Edition Salzgeber:
https://www.salzgeber.de/sorryangel/

Interview mit Christophe Honoré:
https://magazin.hiv/2018/10/25/christophe-honore/
Ein Gespräch mit dem französischen Filmemacher über wachsende Homophobie, Lehren aus der Aidsgeschichte und Gegenbilder zu anderen Filmen über die Aidskrise.


Film: „Tackling Life“

Rugby – der harte Jungs-Sport trifft zusammen mit der LGBT*-Welt.

Die „Berlin Bruisers“ sind schwul-trans-inklusiv und grottenschlecht, eigentlich das schlechteste der ganzen Liga. Seit 2012 sind sie das erste LGBT*-Team in diesem Sport. Fun, Fair Play, Toleranz, Loyalität und Kampfgeist sind die Kriterien – und sie schließen sportlichen Erfolg nicht aus.

Der Film begleitet die Mannschaft bei Regionalliga-Spielen in Ostdeutschland und dann beim ersten Sieg in Madrid! Und er porträtiert einige Spieler genauer: im Privaten, im Beruf, in der Schulaufklärung gegen Mobbing. Es geht um Ausgrenzung und Ablehnung, aber auch um Zusammenhalt und Brüderlichkeit.

Ein unterhaltsamer Einblick in „Männlichkeits“-Bilder. Vielleicht eine Empfehlung für den (heteronormierten) Freundeskreis? Und er gibt Einblicke hinter die Kulissen, auch unserer schönen hippen Dating-Welt. „Real Life, ungeschminkt und manchmal sehr persönlich.

„Ein mitreißend lustiger und tief berührender Film über Vorurteile und Stereotype, die uns alle prägen. Und über das Glück, das es bereitet, wenn wir sie hinter uns lassen.“ So schreibt das Dok.fest München (Publikumspreis).

Tackling Life, Doku
R.:  Johannes List  |  DE 2018  |  94 min  |  engl. Original  |  dt Untertitel (teilweise)

Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=vypXT75hkKk

Homochrom :
https://www.homochrom.de/tackling-life

Sissy
https://www.sissymag.de/tackling-life/


Film: „Mr. Gay Syria“

Der mehrfach ausgezeichnete Film erzählt die Geschichte von zwei schwulen Flüchtlingen aus Syrien und dem gemeinsamen Traum, ihr Land beim „Mr. Gay World-Contest“ in Malta zu vertreten und so auf das Schicksal schwuler Flüchtlinge aufmerksam zu machen.
Am 14. Februar 2016 (Valentinstag) fand in Istanbul der Schönheits-Wettbewerb „Mr. Gay Syria“ statt. Der Dokumentarfilm folgt beiden Protagonisten.

Die Motivationen beider Männer sind verschieden: Husein, 24-jährigen Friseur, führt in Istanbul ein Doppelleben zwischen seiner konservativen Familie mit Frau und Kind und seiner Identität als schwuler Mann. Sein Wunsch: endlich in einer Gesellschaft leben, die ihn und seine Sexualität akzeptiert. Diese Freiheit erhofft er sich in der EU zu finden.
Der 40-jährige LGBTI-Aktivist Mahmoud Hassino lebt in Berlin. Er organisiert den Wettbewerb und will damit schwulen Moslems internationale Aufmerksamkeit verschaffen und auf das Leben queerer Geflüchteter hinweisen. Doch das der Traum wahr wird, ist gar nicht so leicht …

Mr. Gay Syria follows two gay Syrian refugees who are trying to rebuild their lives. Husein is a barber in Istanbul, living a double life between his conservative family and his gay identity. Mahmoud is the founder of Syria’s LGBTI movement and is a refugee in Berlin. What brings them together is a dream: to participate in an international beauty contest as an escape from their trapped lives and an answer to their invisibility. Will the dream come true or will the refugee crisis and the harsh consequences of being gay in the Muslim world shatter it to pieces?

Mr. Gay Syria, Dokumentation, FSK 6
R.: Ayşe Toprak | D, TY, Malta 2017 |·85 min |·englische Originalfassung | dt. Untertitel

Die tollste Kritik + Radio-Feature (55 min):
https://www.deutschlandfunk.de/schoenheitswettbewerb-mit-politischem-hintergrund-mr-gay.1247.de.html?dram:article_id=422151

Trailer/Teaser (Crowdfunding):
https://www.critic.de/film/mr-gay-syria-12250/trailer/

Hintergrund:
https://www.queer.de/detail.php?article_id=25628
https://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/queersyria-ich-wuensche-mir-eine-groessere-offenheit-der-szene/22813570.html


Film:
„Postcards fro, Lonndon“


Locker, leicht, aberwitzig.
Eine schwule Jungs-Gang in London-Soho. Es geht um Escorts, Kunst, das Stendhal-Syndrom und Traum-Sequenzen in „Tableau vivants“ (Lebendbilder von Gemälden).
Ja, ein wenig Kunstgeschichte gibt es auch, so ganz nebenbei. Aber keine Angst, der Film ist lustig, mit herrlichem Humor, experimentier-freudiger Dramaturgie und radikal-ungewöhnlicher Ästhetik. Zitat: „Mit Sex komme ich klar, aber die Kunst macht mich fertig“.

 Sissy Mag meint: Eine selbstironische Ode an die Kunst der käuflichen Liebe. Ein User-Review auf IMDB fasst zusammen: Intellectual Mind Candy (engl.: intelligent + unterhaltsam).

Jim, der Kleinstadtjunge, neu in der Großstadt, schließt sich den „Raconteurs“ (franz.: die Erzähler) an, einer Gang von Strichern und Feingeistern zugleich. Die Coming-of-Age-Geschichte inszeniert Callboys als Träger schwuler Kulturgeschichte.
Gelegentlich fällt Jim in Ohnmacht vor Gemälden von Caravaggio (der um 1600 Huren als Heilige malte, Prostituierte standen ihm Modell für Heiligen-Bilder). Liegt das nun an der Schönheit der dargestellt Jünglinge oder an Jims Verehrung für das Malergenie? Doch da geht der Trouble erst richtig los …
Die Hauptrolle spielt wiedermal der britische Nachwuchsstar Harris Dickinson, der erst kürzlich in „Beach Rats“ (Queer-Filmnacht Januar 2018) zu sehen war. Auch ein Hingucker ist Jonah Hauer-King als David.

Für Cineasten:
*Es werden queere Filme von Pasolini (Accattone, 1961), ein Klassiker, Fassbinder (Querelle, 1982) als Vertreter des schwulen europäischen Autorenfilms der 1970er und mit Van Sant (My Own Private Idaho, 1991) das amerikanische New Queer Cinema der 1990er zitiert.
*Vor fast 25 Jahren (1994) erschien vom selben Regisseur der Film: „Postcards from Amerika“, mit vergleichbaren Motiven: Kunst und Prostitution.
*1986 interpretierte Derek Jarmans in seinem Kult-Film „Caravaggio“ den Maler „als einen Außenseiter […] in dem er sich selbst wiedererkennen konnte […] der sich weder in seinen künstlerischen noch in seinen sexuellen Freiheiten durch irgendwelche Gesetze oder Konventionen einschränken lässt“ (von Brauchitsch: „Caravaggio“).

Postcards from London, Spielfilm, Drama, FSK 12
R.: Steve McLean | UK 2018 |·90 min |·englische Original | dt. Untertitel

Die tollste Kritik:
https://www.queer.de/detail.php?article_id=31676

Links:
https://queerfilmnacht.de/
https://www.sissymag.de/postcards-from-london/

Trailer:
https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/postcards-from-london-2018