Souvage

„Wild“, „Scheu“ oder „Wildlebend [für Tiere]“ heißt der französische Originaltitel im Deutschen. Der Film erzählt von einem jungen Stricher und der prekären Balance zwischen Freiheit und Einsamkeit, von der Suche nach Intimität in einer zynischen, menschenfeindlichen Welt. Kein triefendes Betroffenheitskino: Weder wird beschönigt, romantisiert und verharmlost; noch ist es ein Sozialdrama mit schockierenden Bildern.
Regisseur und Drehbuchautor„Camille Vidal-Naquet bricht in seinem Spielfilmdebüt mit den gängigen Klischees und zeigt uns […] einen „Rent Boy“ als glücklichen Menschen.“ [Sascha Westphal, www.epd-film.de/filmkritiken]

Das queere französische Kino erzählt schon seit beinahe 40 Jahren von Strichern und ihrer Einsamkeit. Léo ist 22, lebt in Straßburg, und verkauft seinen Körper. Nachts lässt er sich durch die Stadt treiben, tagsüber schläft er irgendwo für ein paar Stunden. Wenn es Ärger mit Freiern gibt, hilft ihm sein bester Freund Ahd. Léo hat sich mit seinem Lebensstil irgendwie arrangiert. Schön ist das nicht, das Leben auf der Straße, die ständige Nähe zu Drogen, der Verkauf des eigenen Körpers, der raue Umgang und kriminelle Energie.

Wer ist Léo?

Im Film bleibt er namenlos. Am Stadtrand einer Straße bei einem Wäldchen nahe dem Flughafen wartet er, gemeinsam mit Dutzenden anderer junger Männer, um in ein Auto steigen zu können. Die kleine Zweckgemeinschaft passt aufeinander auf. Solidarisch teilt man das, was man noch hat: ein Stück Crack, die letzten Reste Crystal oder die Äpfel, die man beim lokalen Gemüsehändler klaut. Man warnt einander vor den gewalttätigen Freiern, die in ihren Luxusautos an der Straße halten. Doch so gut die Gemeinschaft das Elend im solidarischen Miteinander trägt, so sehr ist sie von der Gesellschaft isoliert.

Wonach sucht er?

Mal ist Léo allein mit seinen Kunden, mal arbeitet er mit Ahd zusammen. Léo hegt Gefühle für ihn, aber er stehe nicht auf Männer, sagt der. Während Ahd der Sexarbeit auf der Straße entkommen will, scheint Léo keinerlei Ziele, keinen Plan zu verfolgen. „Ich hab’ manchmal das Gefühl, du spielst gern die Hure“, wirft Ahd ihm vor. Léo entgegnet lediglich: „Na und?“.

Leo und die anderen prostituieren sich, weil sie es müssen, weil sie es können, weil sie irgendetwas brauchen, das ihr Leben finanziert. Vielleicht hätten sie etwas anders machen können, vielleicht aber auch nicht. Léos rastlose Suche geht immer weiter. Die Frage „Warum“ beantwortet der Film nicht. Eine Vorgeschichte zu den Umständen, die Léo in die Prostitution und das Leben auf der Straße geführt haben, gibt es nicht.

Die meisten Menschen, die er trifft sind pragmatisch-kalt oder im schlimmsten Falle grausam und gewalttätig; fast alle sind empathielos. Nur wenige Ausnahmen bilden ein Gegengewicht, einige wenige Momente der Zärtlichkeit und Wärme treffen einen ins Herz, aber sie werden sofort ausgelöscht. Wenige Begegnungen lassen Nähe oder Zärtlichkeit zu:
eine Nacht, die er mit einem älteren, einsamen Witwer verbringt,
die Ärztin, deren Fragen und Fürsorge Léo zwar nicht wirklich versteht, die aber so einfühlsam wirkt, dass Léo sie bei der Untersuchung spontan umarmt,
schließlich Claude, der Léo retten will.

Léo hat keinen Funken von Abgebrühtheit, nicht eine Spur von Zynismus. Objektiv betrachtet muss man dieses Leben wohl als „prekär“ bezeichnen: Obdachlosigkeit und Drogensucht. Doch der junge Mann selbst scheint seinen Zustand indes als absolute Freiheit zu empfinden. Bur so ist wohl auch die letzte Szene das Film zu verstehen.

Will oder muss Léo gerettet werden?

Die nüchterne Inszenierung und die lebensnahe Performance von Félix Maritaud ermöglichen ein empathisches Einfinden in das Porträt eines Außenseiters, den es nach Liebe dürstet. An Körperkontakten mangelt es Leo nicht. Sein von einer fast archaischen Naivität getragener Wille, an einem Leben festzuhalten, in dem Intimität und körperliche Nähe Waren sind, wird nur in den wenigen Begegnungen bestätigt, in denen Perversion und Intimität eine gewisse Zärtlichkeit ermöglichen. Die Intimität in Szenen mit Freiern überrascht, aber gerade das verleiht hier einen besonderen Zauber. Andere Stellen sind sehr explizit und ungeschönt, voller Schmerz und Verbitterung, voller Angst. Mit dem Protagonisten straucheln wir durch die Welt ohne Halt, aber mit grenzenloser Freiheit, die ihren Preis hat und hier auch nicht romantisierend gedacht ist.

Der Film verfolgt dabei ein eigenwilliges Spiel aus Distanz und Nähe. Über Léo selbst verrät der Film nur wenig, für biografische Details ist kein Platz. Sauvage ist eine Charakterstudie, die uns ihre Hauptfigur nicht erklärt. Wir erfahren nicht, was er denkt. Wie sehr der gesellschaftliche Alltag aus der Perspektive der Sexarbeiter in unerreichbare Ferne gerückt ist, wird bereits in der Eröffnungsszene erzählt. Léo sitzt in einer „Arztpraxis“.

So nah, dass es weh tut

Der Film setzt sich aus Einzelimpressionen zusammen. Zärtliche Intimität wechselt mit schmerzhaften Begegnungen und Brutalität ab, so als wären verschiedene Filme zusammengeschnitten worden. Und diese Ambivalenz hält der Film bis zum Schluss bei, spielt Freiheit und Geborgenheit gegeneinander aus. Die Kamera schreckt vor nichts zurück, es gibt Szenen, die man kaum anschauen kann. Aber sie sind auch unbedingt notwendig, oft in dokumentarischem Stil, wenn die Bilder auf größtmögliche Authentizität zielen. Die Handkamera fängt das Geschehen ein, ohne eine Wertung erkennen zu lassen; es sind intime, aber keine voyeuristischen Einblicke:  das Leben des jungen Strichers in kurzen Episoden, ohne Distanz.

Der Film beschönigt nichts. Immer wieder zeigt er die Spuren, die der Alltag auf der Straße und die Drogen auf den Körpern seiner Figuren hinterlassen. Und er konfrontiert auch mit Gewalt. Doch selbst wenn Léo zum Opfer brutaler und menschenverachtender Freier wird, geht eine ungeheure Stärke von ihm aus.

Drogen, Partys und Sex stehen gleichermaßen für Elends und auch Ekstase. Beides bringt der Film mit einer Unmittelbarkeit auf die Leinwand, die weder das Leid noch den Rausch durch einen moralischen Filter anschaut. Sexuelle Demütigung, Drogenrausch und Straßenelend prasseln auf den Zuschauer ein, ebenso wie das blitzende Licht des Nachtclubs, den Léo aufsucht, um zu feiern und neue Kunden zu treffen. In den Clubszenen kommt ganz andere Stimmung auf, in ihnen bekommen die Körper von Léo und seinen Freunden eine fast schon mystische Aura. Das Wilde und Direkte ihres Lebens wird zum Ausdruck einer tieferen Wahrheit.

Lässt sich Léo einfach treiben?

Diese Bereitschaft, sich mal dahin mal dorthin spülen zu lassen, gibt ihm eine enorme Freiheit, die es auszuhalten gilt (für den Zuschauer). Die einzige Konstante in diesem abgründigen Wechselspiel ist Léos Wille zur körperlichen und emotionalen Selbstausbeutung. Doch sein Märtyrerdasein bringt Léo der Liebe, die er sucht, nicht näher. Mit jeder Nacht im Club, jedem Morgen an der Straße und jedem Tag in den Apartments seiner Freier verliert Léo ein Stück der Güte und Zärtlichkeit, die er mit den Menschen um sich herum (auch mit seinen Freiern) teilt.

Der großartig furchtlos spielende Félix Maritaud macht spürbar, dass sich Léo nach Nähe sehnt: Allerdings nicht um den Preis der eigenen Freiheit. Frei sein, wild sein, … doch das scheint in die Isolation zu führen. Statt einem Happy End bleibt ein Fragezeichen. Man ahnt, dass trotz des zuversichtlich lächelnden Gesichts von Leo das wilde Leben noch viele weitere Opfer kosten wird.

Fazit

Ein junger Mann, der in einem zynischen, letztendlich menschenfeindlichen Feld unterwegs ist und dabei auf eine rührend weltfremde Weise noch an die große Liebe glaubt. Wenn er mit seinen großen Rehaugen durch die Gegend läuft, Umarmungen verteilt und sucht, dann sorgt das für Momente, die warmherzig und doch tieftraurig sind. Es gibt Momente, da möchte man Léo wachrütteln, ihn sogar anschreien.

Er zieht die Straße einem geordneten Dasein vor, ergibt sich ganz dem Moment. Anders als die übrigen Stricher am Straßenrand, geht er in seiner Arbeit auf. Léo ist schwul und steht auch dazu. Für ihn ist es kein Problem, einen seiner Freier zu küssen, wenn es sich ergibt, oder eben einfach nur einem einsamen Mann etwas Wärme zu schenken.

Kompromisslos, verstörend, oft explizit

Für Cineasten

Für seine kompromisslose Darstellung eines jungen Mannes zwischen Verlorenheit, körperlicher Selbstausbeutung und einer unstillbarer Sehnsucht nach menschlicher Nähe wurde Léo- Darsteller Félix Maritaud („120 BPM“) bei dem Filmfestspielen in Cannes mit dem Rising Star Award der Louis Roederer Foundation ausgezeichnet.

Als Inspiration nennt Vidal-Naquet die von Sandrine Bonnaire verkörperte Vagabundin Mona aus Agnès Vardas „Vogelfrei“ (1985). Wie Mona entzieht sich auch Léo dem gesellschaftlichen Regelwerk.
Als weitere beeichnet er Paul Newman in „Cool Hand Luke“.

Regisseur Camille Vidal-Naquet bezieht sich auf Regisseure bzw. Filme wie:
Patrice Chéreau („Der verführte Mann“),
André Téchiné („Ich küsse nicht“), Gus Van Sant („My Private Idaho“)
und Robin Campillo („Eastern Boys“).

Der Film zeigt „[…] einen `Rent Boy‘ als glücklichen Menschen ganz im Sinne von Camus’ Sisyphos-Auslegung.“
Sacha Westphal

Stimmen zum Film:

Explizites Drama ohne Distanz und Berührungsängste über das Leben eines jungen französischen Strichers, voll sexueller Demütigung, Ekstase und Elend, sehr nah dran an den Figuren und doch distanziert. Es romantisiert das Leben auf der Straße nicht und begegnet dem Protagonisten doch voll Wärme.

Das Wilde und Direkte des Stricher- Lebens wird zum Ausdruck einer tieferen Wahrheit. Léo lässt sich nicht einfach treiben. Diese Bereitschaft, sich mal dahin mal dorthin spülen zu lassen, gibt ihm eine enorme Freiheit, die es auszuhalten gilt.

Die nüchterne Inszenierung und die lebensnahe Performance von Félix Maritaud (Léo) ermöglichen ein empathisches Einfinden in das Porträt eines Außenseiters, den es nach Liebe dürstet.

Objektiv betrachtet muss man dieses Leben wohl als „prekär“ bezeichnen: Obdachlosigkeit und Drogensucht. Der junge Mann selbst scheint seinen Zustand indes als absolute Freiheit zu empfinden. Eine Vorgeschichte zu diesen Verletzungen oder den Umständen, die Léo in die Prostitution und das Leben auf der Straße geführt haben, gibt es nicht.

Dies ist ein verstörendes und rohes Stück Kino. In dieser Welt existiert keine Liebe. Mit dem Protagonisten straucheln wir durch die Welt ohne Halt, aber mit grenzenloser Freiheit, die ihren Preis hat. Dieser Film ist absolut sehenswert ist.

Erstaunlicher Wurf für ein Debüt. Mit einigen Schwächen, dafür aber mehrschichtig und absolut sehenswert nicht nur für Schwule oder Kinoliebhaber.

“I liked the film less while watching than in the hours that followed, when Leo’s life on the margins continued to play out in my head.”
[David Rooney, https://www.hollywoodreporter.com]

„Der Hauptdarsteller Félix Maritaud ist einfach unglaublich und geht mir nicht aus dem Kopf.“ [User-Kommentar von Dirk auf Kino-Zeit.de]

Sauvage, Spielfilm, Drama | FSK 16 (?)
R.:
Camille Vidal-Naquet | FRA 2018 | 99 min | fanzösische Originalfassung | dt. Untertitel
D.: Félix Maritaud
| Eric Bernard | Nicolas Dibla | u.a.
Kamera: Jaques Girault

Links

EPD-Film, Sacha Westphal
Kino-Zeit, Andreas Köhnemann

Film-Rezensionen.de, Oliver Armknecht
Movie-Pilot
Film-Dienst, Karsten Munt
Programmkino.de, Christian Horn
The Hollywood Reporter (engl.)
Queerfilmnacht
Edition Salzgeber
International Movie Data Base
Allocine, fanzösische Film-Datenbank

Trailer (dt.)
Trailer (frz.)
3 Trailer

Interview mit Félix Maritaud (frz.)